Hélène de Beauvoir

„Ma chére petite Poupette,

de toutes les letres que j’ai recues pour La force de l’ârge, c’est la tienne, et de loin, qui ,’a fait le plus de plasier. Moi aussi, tu sais, j’ai apprécié, j’apprécie le bonheur de t’avoir pour souer. Tu me dis des choses très justes sur la difficulté pour une femme de travailler etc. Mais tu peux vraiment te réjour, parce que tu as réussi ton coup; tous les gens qui viennent tombent en arrêt devant ton tableau. Il y a eu Violette Leducqui sent vraiment la peinture et Hélène Parmelin entre autres: Parmelin c’est ebtueèrement parce que c’est ka femme de Pignon, et comme Violette Leduc, elle a dit “Que c’est bien! De qui est-ce?” Alors en janvier, quand je le reverrai, je lui demanderai si Pignon ne pourrait pas t’appuyer pur des espositions etc.”

Simone de Beauvoir,                      a sour, le 13 décembre 1960

 

 

 

Simone de Beauvoir über ihre Schwester, die Malerin Hélène de Beauvoir 

 

Die Geschichte von Hélènes Malerei 

 

Hélène in Wien, 1946
Hélène und Simone mit Mutter

Meine Schwester war noch ganz jung, als sie zu zeichnen begann. Damals träumte sie davon Bücher zu illustrieren, aber dass ihr eines Tages die Malerei zugänglich sein würde, wagte sie sich nicht vorzustellen. Als den Schülern ihrer Zeichenschule im letzten Ausbildungsjahr die Ölmalerei nahegebracht wurde, löste das in ihr große Freude aus und sie widmete sich von nun an hingebungsvoll dieser Aufgabe. 1940 wollte Hélène in Portugal einen Monat Urlaub machen – sie wurde vom Krieg überrascht und musste fünf Jahre bleiben. Großen Eindruck hinterließ die Arbeit der Frauen in den Salinen. Reflexe des Salzes, des Wassers und der Kristalle faszinierten sie dermaßen, dass sie einen immer wichtigeren Platz in ihrem Werk einnehmen sollten. Die figürliche Darstellung allerdings blieb immer noch gegenständlich und der traditionellen Perspektive verpflichtet. Zurück in Frankreich bestimmte hier die abstrakte Malerei alles. Hélène bewunderte gewisse Bilder , aber sie wagte noch nicht, ihren eigenen Weg zu gehen Erst ein Aufenthalt in Marokko 1949 ließ sie kühner werden. Unter einem solchen Licht, wie dort konnte die klassische figurative Malerei nur zu knallig buntem Kitsch verkommen. Und um dem zu entgehen, ging meine Schwester jetzt mit den Farben freier um und erfand eine neue Linienführung. Als Sartre und ich sie in Casablanca besuchten, waren wir verblüfft.

Die Bilder fanden viel Beifall, trotz dieses Erfolges wollte Hélène so nicht weiterarbeiten, weil sie fürchtete, im Manierismus zu versanden. Damals fiel ihr das Buch von Liliane Guerry Brion „L'espace Chez Cézanne" („Der Raum bei Cézanne“) in die Hände. Es wurde eine Offenbarung, denn ihr kam zum Bewußtsein, wie wenig sie bisher über die Probleme des Raumes nachgedacht hatte. Meine Schwester ging jetzt bei Cézanne in die Schule, nahm eine systematische Fragmentierung der Formen vor und widmete sich der Erkundung des Lichts. Das führte sie, ausgehend von den Kraftlinien ihrer figurativen Zeichnung, zu ungegenständlichen Konstruktion. Auf diese Weise entstanden auf den Gemälden, gewissermaßen kontrapunktisch, figurative und abstrakte Bilder nebeneinander. Die Motive waren in etwa immer ungefähr die gleichen: Venedig, Bäuerinnen bei der Arbeit, Skiläufer – Themen, die ihr ermöglichten, die Beziehungen zwischen Personen und Landschaften herzustellen, um sie sowohl im gleichen Raum und Licht wie in der gleichen Bewegung zu vereinigen. Die Bilder hatten ein kristallines Aussehen angenommen und der Aufbau war im allgemeinen festgefügt. Hélène hat sie bei Millione in Mailnad ausgestellt und in der Pariser Galerie Synthese. Publikum und Kritikern gefielen sie, aber die Gemälde entsprachen nicht der Zeitströmung, der informellen Malerei. Dazu passt eine Gegebenheit aus dem Jahre 1958, als sie zu einer Gruppenausstellung in Mailand eingeladen worden war. Vor der Hängung wurde ihr gesagt, dass die Abstrakten im Erdgeschoss präsentiert würden und die Figurativen in der ersten Etage, worauf sie meinte, dann solle man ihre Bilder im Treppenhaus hängen. Und so geschah es.

Zu dieser Zeit wurde meiner Schwester deutlich, dass ihre Malerei sozusagen auszutrocknen begann. Jeder Künstler erzeugt einen eigenen Akademismus, wenn er sich einem System ausliefert. Genau das drohte ihr zu widerfahren. Diesmal half ihr Venedig, und es entstand eine Serie von Bildern, die auf Personen und Anschaulichkeit verzichten. Übrig blieben Arabesken, Farben und Reflexe. Dann wollte sie weitergehen und noch lebhaftere Formen verwenden. Das bereitete ihr große Schwierigkeiten und führte zunächst in ihren Bildern zu einem Kampf, mit dem Ergebnis, dass sie alle verbrannt hat. Aus dieser Phase blieben nur die Radierungen erhalten. Hélène hat zu allen Zeiten zwischen Griffel und Pinsel gewechselt und jetzt half das Schwarz- Weiß, ihre Probleme zu lösen. Die Bilder wurden nun leichter, und das verdanken sie einer Aufteilung des Raumes, die einen Wechsel zwischen Leere und Fülle ermöglichte sowie der Integration von abstrakten Elementen. Auf den Gemälden, die 1967 in Den Haag gezeigt wurden, ist die figurative Darstellung fast ganz verschwunden. Aus dieser Epoche stammt der Katalog mit dem Vorwort von Sartre. Meine Schwester fand auch wieder zu den Kristallen der Jahre 1954 und 1960 zurück, die sie in einigen Partien ihrer vom Mai 1968 angeregten Bilder aufnahm wie in der Serie „Le joli mois de mai“, auf einunddemselben Bild konnte jetzt ihr Pinsel mit mehreren Flächenabschnitten spielen, indem er zuweilen die figurative Darstellung reduzierte, zuweilen betonte.   

Von 1970 bis 1975 wurde Hélène von dem angeregt, was sie vom berühmten Goldenen Dreieck Asiens gehört hatte: Elefanten, Tiger, Pfaue lösten wunderbare Inspirationen aus. Anlass zu ihrem ersten feministischen Gemälde „Un homme livre une femme aux bétes“ („Ein Mann liefert eine Frau den wilden Tieren aus“) war der Tod von Gabrielle Russier. Nun fühlte sie, dass ihr die Mittel zur Verfügung standen, auszudrücken, was sie wollte. Ein Bild ist für Hélène eben nicht nur ein Akkord harmonischer Farben, der zum Komfort des Mobiliars beiträgt. Es stellt vielmehr so etwas wie ein Fenster dar, das den Blick ins Imaginäre öffnet. Dabei möchte sie den Kenner ebenso ansprechen wie den bloßen Liebhaber. Immer mehr erschüttert sie die Zerstörung der Natur und das Leid der Frauen, in ihrem Werk bringt sie ihren Zorn zum Ausdruck, sei es über Seveso oder Fessenheim oder die allgegenwärtigen Hüter einer falschen Moral. Gleichwohl malt sie fröhliche Bilder, und selbst in den dunkelsten gibt es immer noch einen kleinen Lichtblick: Einen Flecken blauer Himmel oder eine Blume als Zeichen der Hoffnung.

Meine Schwester sagte mir, dass sie am meisten über das Ölgemälde nachdenke, das Aquarell ermögliche ihr Spontaneität, ja sogar die Radierung trotz ihrer rigorosen Technik. Seit 1970 arbeitet sie auf großen Holzflächen mit Acrylfarben, die sie zu ihrem früheren leichten Malstil und zur Frische des Aquarells zurückzukehren lassen. Dabei kombiniert sie spielerisch Acryl und farbiges Plexiglas, um in ihm Gravuren einzuritzen. Statt mit dem Griffel für den Kupferstich benutzt ihre Hand nun die Fräse, was sehr schnell geht. „Ich halte den Atem dabei an“, sagt sie. Jede neue Technik zwingt dazu, der Routine zu entgehen und andere Lösungen zu suchen. Wenn man nicht auf einer Stufe stehen bleiben will, muss man fortschreiten, unaufhaltsam. Die Entwicklung von Hélène hat sich immer spiralförmig vollzogen. Sie ließ gewisse Ansätze hinter sich, beschritt neue Wege und kehrte wieder zu den Anfängen zurück, um sie dann verwandelt auf eine andere Ebene zu heben. Selten hat es Rückschritte gegeben, viel häufiger eine Fortentwicklung. Gegenwärtig arbeitet meine Schwester Hélène de Beauvoir an der großen Synthese. Ich bin sicher, dass es ihr gelingt.

Simone de Beauvoir