Hélène de Beauvoir

http://www.atopviews.com/helenedebeauvoir.htm

http://www.artstille.com/helenedebeauvoir.htm

http://hammergalerie.de

http://www.lit-verlag.de/isbn/3-8258-0740-5              (Bild "le adiue" als Cover des Buches: "Die vielen Tode" von Frank Schiefer)

 

Claudine Monteil: Die
e Schwestern Hélène und Simone Beauvoir" (August 2006 - Nymphenburger Verlag) - ISBN: 3485010863

Marcelle Routier: "Hélène de Beauvoir Souvenirs" (1987) – ISBN: 2906284300

Patricia Niedzwiecki: "Beauvoir peintre" (1991) – ISBN: 2907883364

Claudine Monteil: "Les soeurs Beauvoir" (2004) – ISBN: 2846121133

Claudine Monteil: "The Beauvoir Sisters" (2004) – ISBN: 1580051103

Claudine Monteil: "Les amants de la liberté" (2005) - ISBN: 2290317284

Claudine Monteil: "Las hermana beauvoir" (2005) - ISBN: 8477652309

Pedro Calheiros: "O Belo Ver de Hélène de Beauvoir: Pinturas E Desenhos, Portugal, 1940-1945" (1994) - ISBN: 9728283016

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Claudine Mointeil bei Lesung in Regensburg
Belgisches Magazin "Libelle" 1991

Simone de Beauvoir: Memoiren einer Tochter aus gutem Hause/ Hélène de Beauvoir: Souvenirs

I. Meine Schwester, mein Geschöpf

Ich bin am 9. Januar 1908 um vier Uhr morgens geboren, und zwar in einem Zimmer mit weißlackierten Möbeln, das nach dem Boulevard Raspail lag. Auf Familienfotographien, die aus dem folgenden Sommer stammen, sieht man junge Damen in langen Kleidern und straußfedergeschmückten Hüten sowie Herren mit "Kreissägen" und Panamas auf dem Kopf, die einem Baby zulächeln; das sind meine Eltern, mein Großvater, meine Onkel und Tanten - und ich. Mein Vater war damals dreißig Jahre alt, meine Mutter einundzwanzig, und ich war ihr erstes Kind.

Ich wende eine Seite im Album um: Mama hält ein Baby auf dem Arm, doch das bin diesmal nicht mehr ich; ich trage bereits einen Plisseerock und eine Baskenmütze und bin zweieinhalb Jahre alt; inzwischen ist meine Schwester auf die Welt gekommen. Ich war, so scheint es, eifersüchtig, aber nur kurze Zeit. Solange ich mich zurückerinnern kann, war ich stolz darauf, die Ältere und damit die Erste zu sein. Ich fühlte mich interessanter als das Baby, das ohne Hilfe noch nicht mal aus seiner Wiege heraus konnte. Ich hatte eine kleine Schwester, aber der Säugling "hatte" mich nicht.

Man nannte sie Poupette; es hieß, sie sei Papa ähnlich. Blond, mit blauen Augen, sieht sie auf Kinderfotos aus, als schwämme ihr Blick in immerwährenden Tränen. Ihre Geburt hatte damals enttäuscht, denn die ganze Familie hoffte auf einen Sohn. Der Brief den der Großvater auf die Geburtsankündigung hin schrieb, war vielsagend: "...wir freuen uns und warten mit großer Ungeduld auf die Geburt unsreres kleinen Jungen. - Postscriptum: Soeben erfahre ich von der Geburt eines kleinen Mädchens - Gottes Wille geschehe." - Und der Großvater war nicht einmal gläubig...!

Niemand freilich ließ es sie spüren, aber vielleicht war es doch nicht ohne Bedeutung, daß an ihrer Wiege viel geseufzt worden ist. Es wurde darauf gesehen, daß wir unbedingt gerecht behandelt wurden; wir trugen ganz gleiche Kleider, gingen fast immer zusammen aus, wir führten das gleiche Leben. Mir als der Älteren standen jedoch gewisse Privilegien zu. Auf den zweiten Platz verwiesen, mußte sich "die Kleine" fast überflüssig fühlen. Ich war für meine Eltern ein neues Erlebnis gewesen; meine Schwester hatte weit größere Mühe, sie in Staunen zu setzen oder aus der Fassung zu bringen. Mich hatte man noch mit niemand verglichen, sie aber verglich ein jeder mit mir. Was Poupette auch tat, der Abstand der Zeit, die Sublimierung durch die Legende wollten, daß alles mir besser geglückt war als ihr; kein Bemühen, kein Erfolg verhalfen ihr jemals dazu, sich gegen mich durchzusetzen.

Sie hätte mir daraufhin böse sein können, doch paradoxerweise fühlte sie sich nur in meiner Gegenwart wohl. Ich nahm sie als das, was sie war: eine Gleichgestellte, die nur etwas jünger war als ich. Sie war mein Gefolgsmann, mein zweites Ich, meine Doppelgängerin: wir waren einander vollkommen unentbehrlich. Ich bedauerte alle Einzelkinder; einsame Vergnügungen schienen mir fad, ich hielt sie nur gerade für ein Mittel, um die Zeit totzuschlagen. Wenn man zu zweien war, wurde ein Spiel mit dem Ball oder Paradieshüpfen zu einer Unternehmung, Reifentreiben ein Wettbewerb. Die Spiele, die mir am meisten am Herzen lagen, waren jedoch diejenigen, bei denen ich andere Personen darstellte. Und um die Geschichten, die ich erfand, lebendig werden zu lassen, brauchte ich eine Gefährtin.

So veranstalteten wir beide, meine Schwester und ich, (zum Beispiel), "Abhärtungswettbewerbe": wir kniffen uns mit der Zuckerzange, wir ritzten uns mit dem Haken unserer Fähnchen; man mußte sterben können, ohne abzuschwören; ich mogelte in schmählicher Weise, denn ich gab meinen Geist bereits bei der kleinsten Verletzung auf, während ich bei meiner Schwester, solange sie nicht nachgegeben hatte, behauptete, sie lebe immer noch. Oder aber ich lebte mich vollkommen, durch Griseldis und Genoveva inspiriert, in die Rolle der verfolgten Gattin ein; meine Schwester, die dazu angelernt war, den Blaubart zu spielen, verjagte mich grausam aus dem Schloß. Ich wollte ernsthaft und unter Wahrung der Regeln spielen und dabei auch so, daß man leidenschaftlich einander den Sieg streitig machte; meine kleine Schwester kam diesen Forderungen nach. In ihrer Eigenschaft als Vasallin hatte sie an der Souveranität, die ich mir zuerkannte, teil: streitig machte sie sie mir nicht.

Ich verdanke meiner Schwester, daß ich durch diese Spiele in mir so manchen Traum habe abreagieren können; sie ermöglichte mir auch, mein Alltagsleben vor dem Verschweigen zu retten: in ihrer Gesellschaft gewöhnte ich mich daran, mich ständig mitzuteilen. In ihrer Abwesenheit schwankte ich zwischen zwei Extremen: Sprechen war entweder ein müßiges Geräusch, das ich mit meinem Mund hervorbrachte, oder, soweit es sich an meine Eltern richtete, ein ernstzunehmender Vorgang.

Wenn aber wir, Poupette und ich, miteinander redeten, so hatten die Worte einen Sinn und wogen dennoch nicht schwer. Wir hatten großen Nutzen davon. Überlieferte Gewohnheiten unterwarfen uns einer Menge von lästigen Verpflichtungen, besonders um den Neujahrstag herum. Wir mußten bei weitläufigen Verwandten an endlosen Familiendiners teilnehmen und Besuche bei versauerten alten Damen machen. Sehr oft retteten wir uns dann vor der Langeweile, indem wir ins Treppenhaus flüchteten und spielten. Im Sommer organisierte Großpapa gern Ausflüge in die Wälder von Chaville oder von Meudon; um die Öde dieser Exkursionen zu bannen, hatten wir keine andere Zuflucht, als miteinander zu schwatzen; wir machten Pläne, wir ergingen uns in Erinnerungen; Poupette stellte mir Fragen; ich erzählte ihr Episoden aus der römischen Geschichte, aus der Historie Frankreichs oder kleine Geschichten, die ich selbst erfand.

Eines der festesten Bande, die sich so zwischen uns knüpfte, war das der Lehrerin zur Schülerin. Ich selber lernte so gern, daß ich auch das Lehren wundervoll fand. Jedoch meinen Puppen Unterricht zu erteilen, bot mir keine Befriedigung; ich wollte nicht nur bestimmte Gesten nachäffen, sondern ernstlich mein Wissen weitergeben. Indem ich meiner Schwester Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte, erfuhr ich an mir mit sechs Jahren bereits das stolze Gefühl des Wirkens. Ich bedeckte gern weiße Blätter mit Sätzen oder Zeichnungen, aber ich brachte damit nur Scheinobjekte hervor. Wenn ich jedoch Unwissenheit in Wissen verwandelte, Wahrheiten einem Geist einprägte, der ein noch unbeschriebenes Blatt war, schuf ich etwas Wirkliches. Ich ahmte die Erwachsenen nicht nach, ich tat ernstlich das gleiche wie sie, und mein Erfolg war auf ihre Anerkennung nicht mehr angewiesen.

Dank meiner Schwester - meiner Komplizin, meiner Untertanin, meinem Geschöpf - bestätigte ich mein unabhängiges Selbst.

II. Von der Poesie der Bars

"Es ist dumm", sagte meine Schwester eines Abends mit verlegener Miene zu mir, "aber es ist mir unangenehm, daß Mama meine Briefe öffnet; es macht mir hinterher keinen Spaß mehr, sie selbst zu lesen." Ich sagte ihr, daß es mich auch ziemlich stören würde. Wir machten uns gegenseitig Mut, sagten uns, daß wir immerhin siebzehn und neunzehn Jahre alt seien, und baten also Mama, unsere Korrespondenz nicht länger ihrer Zensur zu unterziehen. Sie antwortete zunächst, daß es ihre Pflicht sei, über unsere Seelen zu wachen, gab aber schließlich nach. Es war ein bedeutsamer Sieg.

Es gelang uns, meiner Schwester und mir, in Abständen immer wieder einmal einen Abend der mütterlichen Wachsamkeit zu entfliehen: meine Schwester zeichnete oft am Abend in der "Grande Chaumiere", das war ein bequemer Vorwand, wenn ich selbst mir meinerseits ein Alibi verschaffte.

Wir besuchten das "Studio des Champs-Elyssées", um uns ein ultramodernes Stück anzusehen oder wir hörten im Promenoir des "Casino de Paris" Maurice Chevalier. Aber gewöhnlich gingen wir ins "Jockey" am Boulevard Montparnasse: wir liebten die schimmernden Flaschen, die bunten Fähnchen, den Geruch nach Tabak und Alkohol, die Stimmen, das Lachen, das Saxophon. Um möglichst verkommen zu wirken, setzte meine Schwester immer den Hut schief auf und schlug - sehr hoch - die Beine übereinander. Wir sprachen laut und lachten geräuschvoll dazu. Oder aber wir betraten beide nacheinander die Bar, taten, als würden wir uns nicht kennen, und gerieten zum Schein in Streit: wir packten einander an den Haaren, schleuderten uns kreischend Beleidigungen ins Gesicht und waren glücklich, wenn das Publikum einen Augenblick lang auf die Komödie hereinfiel.

Solche Spiele amüsierten uns, aber nicht allzu oft konnten wir sie wiederholen. Ich weiß nicht, wo ich damals das Geld hernahm. Zweifellos sparte ich es mir von den fünf Francs ab, die mir meine Mutter täglich für mein Mittagessen gab, oder kratzte es sonst irgendwie zusammen. Auf alle Fälle richtete ich mein Budget ganz und gar auf diese Orgien aus. "Bei Picart in 'Onze chapitres sur Platon' von Alain geblättert. Kostet acht Coctails; zu teuer."

Meine Schwester hatte sich mit einer ihrer Gefährtinnen von der Kunstgewerbeschule angefreundet, einem hübschen frechen Mädchen von siebzehn Jahren; sie wurde Gégé genannt. Eines Abends beschlossen wir, ins "Jungle" zu gehen, das gerade seine Pforten gegenüber dem "Jockey" geöffnet hatte. Aber das Geld fehlte uns. "Das macht nichts", sagte Gégé. "Warten Sie nur da drüben auf uns: es wird sich schon arrangieren." Ich ging einstweilen hinein und setzte mich an die Bar. Auf ihren Bänken am Boulevard stöhnten Poupette und Gégé laut hörbar vor sich hin: "Und wenn man denkt, daß uns nur 20 Francs fehlen..." Ein Vorübergehender wurde weich. Ich weiß nicht, was sie ihm erzählten, aber jedenfalls hockten sie bald an meiner Seite hinter einem Gin Fizz. Gégé verstand sich darauf, die Männer anzulocken. Man zahlte uns Drinks und tanzte mit uns. Eine Zwergin, die 'Chiffon' genannt wurde und die ich bereits im "Jockey" gehört hatte, sang und trug Obszönitäten vor, während sie ihre Röcke hob; sie stellte striemenbedeckte Schenkel zur Schau und erzählte wie ihr Liebhaber sie mit Bissen traktierte. In gewisser Weise war es ganz erfrischend. Wir gingen noch öfter hin.

Meine Schwester war mir die Liebste. Sie nahm jetzt in einem Institut der Rue Cassette an Kursen für Gebrauchsgraphik teil, die ihr Spaß machten. Bei einem dieser Schulfeste sang sie in dem Kostüm einer Schäferin alte französische Lieder; ich fand sie einfach bezaubernd. Manchmal ging sie zu einer Abendeinladung, und wenn sie dann- blond, rosig, beseelt- in ihrem blauen Tüllkleid nach Hause kam, schien unser ganzes Zimmer heller zu werden. Wir besuchten gemeinsam Ausstellungen, den Herbstsalon, den Louvre; am Abend zeichnete sie in einem Atelier in Montmartre; oft holte ich sie dort ab, und wir wanderten durch Paris, während wir die Unterhaltung fortsetzten, die mit unserem ersten Stammeln ihren Anfang genommen hatte. Wenn über die Böschungen der Seine das Dunkel herabgesunken war, sprachen wir atemlos zueinander von unserer triumphalen Zukunft: meinen Büchern, ihren Bildern, unsreren Reisen, der Welt.

Sie nahm an allen meinen Freundschaften, meinen Faibles und Besessenheiten teil. Abgesehen vielleicht von Jacques, hing ich an ihr am meisten. Sie stand mir zu nah, als daß sie mir zu leben hätte helfen können, aber ohne sie, so dachte ich, würde mein Dasein jeden Reiz verlieren. Wenn ich tragisch gestimmt war, sagte ich, wenn Jacques sterben würde, würde ich mir das Leben nehmen, verschwände jedoch sie, so würde ich nicht einmal nötig haben, mich erst umzubringen, um nicht mehr zu leben.

III. Sartre - der Frosch

Sartre wollte gern meine Bekanntschaft machen. Er schlug mir ein Treffen am folgenden Abend vor, aber Maheu bat mich, nicht darauf einzugehen: Sartre wolle sich - in seiner Abwesenheit - nur an mich heranmachen. Wir beschlossen, meine Schwester solle sich mit Sartre treffen.

(Das Rendezvous mit den Augen und Worten der "kleinen Schwester":)

Ich hatte keinen Grund, ihr diesen Dienst zu verweigern. Ich fragte: "Aber wie werde ich ihn erkennen?" "Er trägt eine Brille und ist sehr häßlich" - Die Beschreibung war ein wenig knapp, aber Simone äußerte sie so bestimmt, daß ich nicht weiter in sie drang.

Seltsamerweise hatte Sartre, der die hübschen Bistrots liebte, ihr als Treffpunkt eine eher düstere Milchbar in der Rue de Medicis angegeben. Als ich eintrat, saßen dort zwei Männer mit Brille. Ich bin auf den häßlichsten zugegangen und habe zu ihm gesagt: " Sind Sie Herr Sartre?" "Wie haben Sie mich erkannt?" "Ich bin die Schwester von Simone de Beauvoir." Er ließ nicht locker: "Wie wußten Sie, daß ich Sartre bin?" "Weil...weil Sie eine Brille tragen." "Aber da ist noch ein Mann mit Brille!" Die Situation wurde brenzlig. "Nun, wissen Sie, das war mehr oder weniger Zufall, ich hatte eine Chance von fünfzig Prozent, mich zu irren." Ließ er sich zum Narren halten? Ich glaube nicht.

Sartre litt sehr unter seiner Häßlichkeit. Man vermutet, daß seine Suche nach schönen Frauen, seine Sammlung eine Art Kompensation war, ein Versuch, sein Aussehen zu überwinden, das Beste draus zu machen. Es hat mich immer sehr bewegt, wenn er in "Die Wörter" erzählt, daß diese Enthüllung für ihn der Schock seines Lebens gewesen war. Als man ihm seine Locken abgeschnitten hatte und er feststellte, daß er häßlich war, als die ganze Familie sah, daß der kleine Engel in Wirklichkeit ein häßlicher, kleiner Junge war, das war ein Schock. Dabei war seine Mutter so schön gewesen...

"Setzen Sie sich", sagte er zu mir. "Simone tut es schrecklich leid, aber sie wurde in letzter Minute in einer Familienangelegenheit aufs Land gerufen." Er sah mich durch seine Brille an und ich wußte nicht, was er dachte. Ich wußte nicht, über was ich mit ihm sprechen sollte. Der Gedanke kam mir in den Sinn, daß ich da saß und mich bei einer Tasse Tee langweilte, während andere es sehr geschätzt hätten, an meiner Stelle zu sein. Er lud mich höflich ein, ins Kino zu gehen, wir sahen einen sehr schönen Film "A girl in every port". Wir sprachen kaum miteinander und ich dachte an Maheu und Nizan, die Sartre als so lebendig, so witzig beschrieben. Ich hatte den Eindruck, daß ich ihn - selbst als Schwester von Simone - genausowenig interessierte, wie er mich.

Am nächsten Tag habe ich zu Simone gesagt: "Es tut mir furchtbar leid, aber er ist nicht im mindesten so unterhaltsam und interessant, wie man ihn dir immer beschrieben hat."

...übersetzt von Eva Sixt